… und “Sicherheit” immer relativ zu sehen ist.
Überwachung, Terror, Islam, Tod und Sicherheit. Das sind (leider) die Schlagworte dieser Tage. Überall in den Zeitungen, im TV oder auch im Internet kann man den, seit 9/11 bestehenden und nun immer wieder neu entbrannten Diskussionsherden über das Thema Nr. 1 folgen.
Mitlerweile hat es selbst in Deutschland das sonst so beliebte Dauerthema “zweiter Weltkrieg” – das sonst gern zu jeder Zeit wieder aufgewärmt wird – aus den Köpfen der Menschen verdrängt.
Es geht um die Angst vor Terroranschlägen, es geht um die Schaffung von “Sicherheit” und um eine Kampf, der vor fast 2000 Jahren mit einer sonst beispiellosen Selbstinszenierung, Selbstverherrlichung und dem Machthunger Einzelner – mit einem ersten Höhepunkt um 1096 – begann, der bis heute (nur um ein paar Millionen Menschen in einer globalisierten und von Technik abhängigen Welt verstärkt) anhält. Es geht um einen “Krieg” (wenn man es so nennen möchte) der von seinen Ausmaßen alle Kriege, sei es den ersten, den zweiten als auch den kalten Krieg in den Schatten stellt. Dabei stellt sich jedoch nicht die Frage wie wir in diese Situation herein gekommen sind, sondern wie wir wieder aus dem Dilemma heraus kommen – die Frage nach dem richtigen Umgang mit größtmöglicher “Sicherheit” für alle – ohne dabei die unveräußerlichen Grundrechte eines jeden Menschen, d.h. auch freie Religionsausübung verwerfen zu müssen.
Heute morgen konnte man ein Zitat des amtierenden Innenministers Wolfgang Schäuble (CDU) in unserer Lokalzeitung lesen:
“Wir übertreiben in diesem Land manches – auch unsere Bedenken gegen zu viel Sicherheit”
- das Zitat stammt aus dem Magazin Chrismon “Begegnung” mit dem Titel “Schäuble – Kaminer”. Schäuble begründet seine Vermutung mit dem Argument, Deutschland habe eine zu große Neigung zum Perfektionismus, besonders zur “Juristerei” und würde deshalb Eingriffe in die Grundrechte nicht dulden. Es stellt sich ernsthaft die Frage, ob dies wirklich die Begründung für eine Ablehnung von Grundrechtsverletzungen ist. Ich glaube viel mehr, dass gerade in Deutschland nach mehr als drei großen Epochen der Unterdrückung ihres Verstandes und ihrer Rechte (1871-1989) genug von “Ermessensentscheidungen” (Schäuble) seiner Staatsmacht hat.
Vor allem sehe ich Gefahren in der Realisierung seiner – für mich sehr nachvollziehbaren – Forderung nach “Überwachungsmöglichkeiten”. Es gilt zu klären, was “Sicherheit” ist:
“Sicherheit bezeichnet einen Zustand, der frei von unvertretbaren Risiken der Beeinträchtigung ist oder als gefahrenfrei angesehen wird. [...] Der Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit einerseits und möglichst weitgehender individueller Freiheit andererseits stehen in einem starken Spannungsverhältnis. So muss der einzelne sich im Alltagsleben einer großen Zahl von Vorschriften und Einschränkungen unterordnen, die vom Staat oder von Institutionen “aus Sicherheitsgründen” erlassen werden.”
(wikipedia)
Terrorismus ist eine der “unvertretbaren Risiken” – so viel steht fest. Es ist nur zu beurteilen, wie viel “individuelle Freiheit” für Sicherheit aufzugeben ist – und, ob dabei das Verhältnis und die Grundrechte gewahrt bleiben. Andersherum gedacht: Wie viel Grundrecht steht jedem zu, wenn es um die Sicherheit aller geht ?
Groß wird in den Medien der Fahndungserfolg nach den Terroristen aus Deutschland und Pakistan gefeiert – auch ich bin froh, dass diese, für mich nicht mehr als Menschen (im Sinne von humanitas) zu bezeichnen sind vor ihren Anschlägen gestoppt werden konnten. Aufgrund dieses Erfolges wird jedoch der Ruf nach einer Gesetzesänderung – einer Änderung die unsere Grundrechte beeinträchtigen immer lauter. Vor allem die Gesetzesbehörden versprechen sich mit der Einführung des neuen Gesetzesentwurfs mehr “Sicherheit”. Der neue Gesetzesentwurf macht jedoch jedem, den Weg frei, bei “akuter Bedrohung” jegliche gesetzliche Anordnung zu umgehen – und somit im Ernstfall jeden, immer und überall zu überwachen. Eine Aushöhlung unserer Individualität und unseren Grundrechten in gewissem Sinne.
Ist das der Weg den man einschlagen sollte ? Ich meine, auch ich wünsche mir in solchen Situationen immer öfter, dass man die Mittel hätte Bedrohungen vorher auszuschließen – aber eine totale Überwachung führt meiner Meinung nach nur zu mehr Terror. Dieser Terror basiert auf generellem Mistrauen in vielen Hinsichten: Staat gegen seine Bürger, Bürger gegen Staat, Staat gegen Staat, Bürger gegen Bürger – hatten wir das nicht alles mindestens schon einmal auf anderen Ebenen ?!
Es muss eine Regelung geschaffen werden, die auch ohne “totale” Überwachung auskommt.
Meine Gedanken drehen sich dabei um eine ganz anderen Ansatz – einen viel umgreifenderen. Man sollte nicht die Humanität jedes Einzelnen in Zweifel ziehen, sondern sollte sich auf Ursachenforschung begeben: Was bewegt die Menschen, abgesehen von niederen materiellen Zielen, dazu sich selbst zu opfern? Im Grunde müsste man glauben, jeder Mensch ist darauf bedacht sein Leben, und das der Anderen zu schützen, da er nur “ein” Leben hat. Das Einzige, was einen Menschen also dazu bringen kann, sein Leben zu Opfern, ist also ein imaginäres “Versprechen” – eine Manipulation des Geistes gegen jegliche Form von Realität, Verstand und normal zu erklärende Phänomene, der sich unter dem Dekmantel der Hilfsleistungen und dem Gemeinschaftsgefühl versteckt.
“Die Säkularisierung, abgeleitet von lat. saeculum, meint allgemein jede Form von Verweltlichung, im engeren Sinn aber die durch den Humanismus und die Aufklärung ausgelösten Prozesse, die die früheren engeren Bindungen an die Religion gelöst und den Lebenswandel zunehmend auf Basis menschlicher Vernunft begründet haben. Bezogen auf die westliche Welt auch ein Synonym für “Entchristlichung“.”
(wikipedia)
Religion soll natürlich nicht der Sündenbock für all jene grausame Taten herhalten, die in den letzten Jahren geschehen sind, jedoch sollte man ernsthaft überlegen, ob wir in unserer Zeit nicht endlich bereit wären, den glauben an transzendente Wesen aufzugeben, und unser Handeln in eigene Verantwortung zu übernehmen. Säkularisierung war nur der erste Schritt, statt “Entchristlichung” sollte es nun um “Entreligionisierung” gehen: Ohne Religion, besser gesagt ohne vordefinierte Religion – also ohne den Zwang zum Glauben an ein “Paradies in der Nachwelt”, ohne einen “Gott” der bestimmte Handlungen, Normen oder ähnliches vorgibt, dass nicht auf dem normalen Menschenverstand basiert, wäre den manipulierenden Staats- und Terrorlagern quasi auf einen Schlag ein Teil ihrer Macht über den Geist der Menschen genommen. Der Krieg “Islam” gegen “westliche Welt”, im Sinne von Religion, würde auf einen Krieg um verschiedene Auffassungen von Leben und Recht (und einen großen Teil Intolleranz) reduziert, der sich mit Sinn und Verstand auch ohne Gewalt lösen lassen würden. Sicherlich waren früher religiöse Normen für einen Staat überlebensnotwendig um seine Ordnung aufrecht zu erhalten, aber es stellt sich die Frage, ob wir über diesen Punkt nicht schon längst hinaus sind.
Ich behaupte damit nicht, dass sich damit Terror ausschließen lassen würde. Auch denke ich nicht, dass sich damit zwingend notwendige, und doch so schwer zu rechtfertigende Gesetze zur Überwachung von Terror verhindern lassen- nein, damit sicherlich nicht – ich glaube nur, dass man über eine eingeschränkte Sicht des Mistrauens hinaussetzen sollte, meine Auffassung von “unserer” Welt braucht keine Grenzen – weder im Kopf, der Landkarte, noch nach dem Tod. Jeder kann und darf sein Leben, wie er möchte, so dass es ihm gut geht, so dass es auch seinen “Mitmenschen” gut geht – das gilt auch für Religion – nur sollte dabei gelten: Relgion bedeutet Glaube an etwas – an was man glaubt sollte jeder für sich bestimmen – niemand jemand anderem vordiktieren oder anerziehen dürfen.
“Nenn das dann, wie du willst,
Nenns Glük! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Nahmen
Dafür. Gefühl ist alles,
Nahme Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmels Glut.”
(Johann Wolfgang Goethe,Urfaust)
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